Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Georg Elser – der unerwartete Widerstand „von unten“

Von Peter Steinbach*

Zivilcourage – eine Frage von Verantwortungsbereitschaft

Georg Elser als junger Mann
Abbildung: Alle Bilder bis auf die anderweitig gekennzeichneten mit freundlicher Genehmigung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin

Zivilcourage hat seit wenigen Wochen einen Namen. Dominik Brunner, ein Unternehmer, gebürtig aus Niederbayern, konnte nicht akzeptieren, dass Jugendliche in der Münchener S-Bahn Kinder bedrängten und bedrohten. Er schritt ein und wurde von den Jugendlichen derart brutal zusammengeschlagen, dass die Folgen tödlich waren. Brunner setzte ein bemerkenswertes Zeichen. Es war richtig und zugleich ein Zeichen der Hilfslosigkeit, ihn posthum mit dem Bundesverdienstkreuz auszuzeichnen.

Brunner hatte gehandelt, um für andere einzutreten. Er hatte sich geopfert, indem er sich vor andere stellte. Stellvertretendes mitmenschliches Handeln nennen Moralphilosophen sein Verhalten, Nothilfe nennen es die Juristen. Wer Nothilfe leistet, tritt für andere ein. Notwehr zielt hingegen auf die eigene Verteidigung. Notwehr wie Nothilfe verlangen Zivilcourage. Als Tugend wird der bürgerliche Mut in den politischen Sonntagsreden ebenso oft beschworen wie gefordert. Zivilcourage ist in der Tat eine demokratische Tugend, ist „bürgerlicher Mut“, also der Mut, den Menschen beweisen müssen, wenn sie sich ihrer Umgebung widersetzen oder sich dem Einklang mit ihrer unmittelbaren Umgebung widersetzen. Sie zielt auf innergesellschaftliche Selbstbehauptung, ist nicht mit dem Widerstand gegen die Staatsgewalt gleichzusetzen, schon gar nicht in einem freiheitlichen Verfassungsstaat.

Widerstand und der Mut zur Zivilcourage werden oftmals in einem Atemzug genannt. Dabei zielen sie auf etwas ganz Verschiedenes: Widerstand richtet sich in der Regel gegen Vertreter des Staates, die nicht zuletzt die Macht haben, im eigenen Interesse den angeblichen „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ zu definieren und zu sanktionieren; Zivilcourage hingegen hat sich innerhalb der Gesellschaft zu bewähren.

Beide Fotos: Aufnahmen des zerstörten Saales

Voraussetzung des bürgerlichen Mutes ist die Fähigkeit, sich über Ansichten, Verhaltensmuster und Erwartungen hinwegzusetzen, die die Mehrheiten in der Gesellschaft teilen. Diese Mehrheiten produzieren häufig einen Anpassungsdruck, der nicht mehr gestattet, die Realitäten genau zu erkennen. Der Mensch als ein angepasstes Wesen nimmt dann Übergriffe hin, lässt sich missbrauchen, folgt willig Stimmungen und Befehlen. Er beschwört dann den Willen der Mehrheit, dem er sich als Individuum unterwirft.

Damit begeben wir uns auf ein weites und schwieriges Feld, denn Mehrheiten können irren, sie können die Rechte von Minderheiten verletzten, können Barrieren errichten, die man in der Demoskopie einmal „Schweigespiralen“ genannt hat, Spiralen der Fraglosigkeit, der Unterdrückung von Widersprüchen, von Zweifeln.

Wer die Kraft zum Widerspruch aufbringt, muss oftmals gesellschaftliche Widerstände überwinden und einen langen Weg zurücklegen. Er muss sich distanzieren von Sogströmen seiner Zeit, von kollektiver Begeisterung, von der Faszination, die Politik oftmals zu erzeugen sucht, von Erfolgen, die die Sinne benebeln, die den klaren Blick auf die Wirklichkeit verstellen. Wie kommt es, so fragen wir uns vielleicht, dass man zwar sieht, was geschieht, es aber doch nicht wahrnimmt. Nichts gewusst? Oder nur nichts gesehen?

Und wenn etwas gesehen, sich nur nichts gedacht? Sich nicht empört über das augenfällige Unrecht, vielleicht, weil es vor das Auge der Mitmenschen gerückt wurde als eine Tat, die zu begehen von den Machthabern legitimiert schien oder vielleicht sogar die eigenen Ängste zu bewältigen half, Ängste oftmals, die von den politisch Verantwortlichen geschürt worden waren?

Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus lässt sich vollends nur würdigen, wenn man seine Breite und Vielfalt, seine Widersprüchlichkeit und graduelle Steigerung in zeitlicher Entwicklung in den Blick nimmt. Er war tief geprägt durch die Werte und Anschauungen seiner Zeit, beurteilte die Welt, die Politik und selbst die Zukunft aus den Horizonten der Zeit. Aber er überwand die Grenzen, die diese Horizonte bestimmten.

Bereits vor mehr als fünfzig Jahren hat Margret Boveri beklagt, es gäbe in Deutschland zwei Kulturen – sie spricht von „Literaturen“ – des Widerstands, die sich gegenseitig ignorierten.1) Arbeiterwiderstand, militärischer Widerstand, selbst der konfessionell geprägte Widerstand evangelischer und katholischer Christen – sie standen jeweils für sich, isoliert, fast gleichgültig, nicht selten ohne Verständnis für die „anderen“ Dimensionen des Widerstands.

Umso wichtiger ist es, die Überschneidungen dieser „Kulturen“ vor das Auge zu rücken. Denn im Widerstand suchte man den Anderen als Gleichgesinnten, als weiterführenden Fragesteller, als Herausforderer, der half, Positionen zu klären und Entscheidungen zu fällen.

Zuweilen vereinigen Gruppen und einzelne Persönlichkeiten viele Strömungen des Jahrhunderts. Der Kreisauer Kreis ist dafür ebenso ein Beispiel wie die so breit interessierte und gebildete Persönlichkeit Stauffenbergs.

Wer sich mit Georg Elser befasst, dem Regimegegner, der Hitler fast getötet hätte und der als Attentäter aus dem Volk bezeichnet wird, wird viele unterschiedliche Strömungen identifizieren, die seine Weltsicht, seine moralischen Koordinaten und seine Zukunftsvorstellungen prägten. Sein „Erfahrungsraum“ verwies auf die Lebensbedingungen „kleiner Leute“ – sein Erwartungshorizont macht ihn zu einer wichtigen Person deutscher Zeitgeschichte.

In diesem Beitrag werden einzelne Stationen seiner Entwicklung, seiner weltanschaulichen Prägung und schließlich seiner Tat deutlich gemacht. Dabei stütze ich mich auf Überlegungen, die meinen Kollegen Johannes Tuchel, den Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, und mich als Wissenschaftlichen Leiter dieser Einrichtung seit mehr als zwanzig Jahren bewegt haben. Wir sind heute kaum mehr in der Lage, den jeweiligen Beitrag des anderen bei der Erarbeitung des Bildes von Elser anzugeben. Offenbar ist Elser aber nach wie vor eine Herausforderung für manche Zeitgenossen, die die Lauterkeit seiner Motive bezweifeln. Gerade deshalb ist es bemerkenswert, dass in München an der Hochschule für Philosophie, der Wirkungsstätte des Jesuitenpaters und Delp-Forschers Roman Bleistein, eine Veranstaltung ausgerichtet wurde, die Elsers Tat in die Gesamtgeschichte des Widerstands einordnete und so vermied, was philosophisch anmutende Klügelei in Frage stellen könnte.


Polizeiliches Erstgutachten nach der Tat, 9. 11. 1939

Das Ereignis

Am 9. November 1939, wenige Wochen nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, schreckte die deutsche Öffentlichkeit ein Anschlag auf, den ein „Mann aus dem Volke“ verübt hatte. Seine Tat schien in jeder Hinsicht unvorstellbar zu sein – wenige Wochen nach Kriegsbeginn wollte er Hitler und möglichst große Teile seiner Regierung ausschalten. Seine Tat war derart unglaublich, dass sich viele Legenden um die Person des Attentäters rankten.

Dieser Regimegegner kam seinem Ziel, den verhassten Diktator auszuschalten, denkbar nahe. Allerdings hatte Hitler nur wenige Minuten vor der Explosion den Versammlungssaal verlassen. Der zunächst unerkannt gebliebene Attentäter wurde wenig später eher zufällig beim Versuch festgenommen, in die Schweiz zu entkommen. Überführt wurde er wegen einiger verdächtiger Gegenstände, die man in seinen Taschen fand, nachdem Zollbeamte ihn der Polizei übergeben hatten. Nach tagelangen Verhören gestand Elser seine Tat und bekräftigte dabei immer wieder seine Absicht, durch die Tötung Hitlers den Weg zu einem europäischen Frieden gebahnt haben zu wollen.

Es handelte sich um die Tat eines einzelnen Mannes, des schwäbischen Tischlers Georg Elser, der entschlossen, beharrlich und konsequent den Anschlag geplant hatte. Er wollte damit den von Hitler begonnenen Krieg stoppen.

Neben Claus von Stauffenbergs Anschlag vom 20. Juli 1944 war das Attentat Elsers das einzige, das dem Leben des deutschen Diktators direkt gefährlich wurde. Während seit den fünfziger Jahren Stauffenberg und seine Mitverschworenen langsam nicht mehr primär als „Verräter“, sondern als Widerstandskämpfer gewürdigt wurden, blieb diese Ehrung Elser noch lange Zeit versagt. Er wurde diffamiert, als verschrobener Sonderling oder gar als Handlanger der Gestapo abgestempelt. Obwohl alle seit Ende der sechziger Jahre vorliegenden Quellen seine Alleintäterschaft bezeugen, setzte sich erst langsam seine öffentliche Anerkennung durch.2)

Immer wieder wurde versucht, Elser zu diskreditieren. So hat jüngst ein Politikwissenschaftler behauptet, Elser sei „heute auch am linken und linksextremistischen Rand unserer Gesellschaft angekommen“ und werde „gerade dort mit besonderer Sympathie rezipiert“. Er stellte Verbindungen zum Terrorismus der RAF her, die Banken überfallen, Menschen entführt und – wie Schleyer – ermordet hatte, um den Verfassungsstaat zu unterminieren.

Sprengstoffanschläge und Feuerüberfälle hatten viele völlig Unbeteiligte hingerafft und menschliches Leid als notwendiges politisches Opfer gerechtfertigt. Elser war weit von einer derartigen Rechtfertigung der Opfer entfernt, die sein Anschlag gefordert hatte. Dies zeigt ein Blick auf sein Leben und seine gegenläufige Entwicklung, seine Motive und die Umsicht, mit der er die Tötung des verhassten Diktators Hitler vorbereitete. Dessen Regime war längst als verbrecherisch entlarvt – nach der Vertreibung und Inhaftierung Andersdenkender, nach den Nürnberger Gesetzen und dem Novemberpogrom, nicht zuletzt auch nach der Entfesselung des Krieges, der sich rasch zum Weltkrieg ausweitete und mehr als 55 Millionen Opfer forderte.

Der Attentäter

Die Familie Elser vor dem Elternhaus in Königsbronn, um 1910 (4. v. links: Georg)

Der 1903 im württembergischen Hermaringen geborene Georg Elser wuchs in Königsbronn unter sehr schwierigen Familienverhältnissen auf. Der Vater hatte siebzehn, Johann Georg Elser fünf Geschwister. Schon früh galt Elser als ein handwerklich und zeichnerisch besonders begabter Schüler. Nach siebenjähriger Schulzeit und einer aus gesundheitlichen Gründen abgebrochenen Lehre im Hüttenwerk Königsbronn wurde er Schreiner. Elser arbeitete exakt, überprüfte immer wieder das Geschaffene. Er empfand Stolz auf seinen Beruf, verlangte aber immer auch angemessenen Lohn.

Auffällig war Elsers früh ausgeprägter und entschiedener Gerechtigkeitssinn. Sowohl im Berufs- als auch im Privatleben legte er größten Wert auf seine Unabhängigkeit. Er fällte seine eigenen, von der Umwelt nicht immer akzeptierten Entscheidungen.

Georg Elser mit seiner Freundin Mathilde Niedermaier und seinem jungen Bruder Leonhard, um 1929

Mehrfach musste er in den wirtschaftlichen Wirren der späten zwanziger Jahre seinen Arbeitsplatz wechseln. Obwohl ihm dies später fälschlich als Unrast ausgelegt wurde, ist die schlechte Auftragslage in den Branchen, in denen er sich verdingte, die Ursache für die beruflichen Veränderungen gewesen. Elser zumindest war überall wegen seiner ebenso gewissenhaften wie vielfältig orientierten Arbeitsweise geschätzt.

Er galt als ein zwar schweigsamer, zugleich aber auch geselliger Mensch. Seit seiner Schulzeit musizierte er. In Konstanz gehörte er einem Trachtenverein an, später dem Zitherverein in Königsbronn. Im Gesangverein seines Heimatortes spielte er den Kontrabass und musizierte oft auf Tanzabenden. Elser wanderte gerne zusammen mit Freunden. Die Frauen mochten ihn und seine freundliche Art. Seine Freundin Mathilde Niedermann brachte 1930 den einzigen Sohn Elsers, Manfred, zur Welt.

Elser beim Gestapo-Verhör

Die Weimarer Republik verlangte immer wieder politische Neuorientierungen und Entscheidungen. Wichtige politische Anregungen und Anstöße scheint Elser erst während seiner Lehrzeit erhalten zu haben. Er wurde Mitglied im Holzarbeiterverband und trat 1928/29 dem kommunistischen Roten Frontkämpferbund bei, ohne sich in beiden Organisationen stark zu engagieren. Bis 1933 wählte er nach eigener Aussage die KPD, weil er sie für die beste Vertretung der Arbeiterinteressen hielt.

Den aufkommenden Nationalsozialismus lehnte Elser von Anfang an entschieden ab. Nationalsozialistischen Demonstrationen der Macht, die sich vor allem in Straßenaufzügen und Symbolkonflikten Bahn brachen, ging er aus dem Weg. Er verweigerte konsequent den „Hitlergruß“ und nahm auch nicht am gemeinschaft-lichen Empfang von Hitlerreden teil, die im Hörfunk übertragen wurden. Bereits zu dieser Zeit scheint er beispielhaft zu sein, denn er macht deutlich, dass und wie sich ein Einzelner den Zumutungen der NS-Herrschaft auch im überschaubaren, durch soziale Kontrolle geprägten dörflichen Milieu entziehen konnte.

Die Motive

Erklärlich wird dies, wenn man begreift, in welch starkem Maße Elsers Verständnis von Politik durch sein persönliches Freiheits- und Unabhängigkeitsstreben geprägt war. Daher war auch ein erstes und wichtiges Motiv für seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus die Verschlechterung der Lebensbedingungen in den Jahren nach 1933. Vor der Gestapo sagte er dazu später:

„Nach meiner Ansicht haben sich die Verhältnisse in der Arbeiterschaft nach der nationalen Revolution in verschiedener Hinsicht verschlechtert. So z.B. habe ich festgestellt, dass die Löhne niedriger und die Abzüge höher wurden. [...] Der Stundenlohn eines Schreiners hat im Jahr 1929 eine Reichsmark betragen, heute wird nur noch ein Stundenlohn von 68 Pfennigen bezahlt.“3) Elser empfand nicht nur konkrete Missstände; er benannte sie auch: „Der Arbeiter kann z.B. seinen Arbeitsplatz nicht mehr wechseln, wie er will; er ist heute durch die HJ nicht mehr Herr seiner Kinder.“4)

1937/38 trat ein anderes Motiv in den Vordergrund: Elser beobachtete die umfangreichen militärischen und propagandistischen Kriegsvorbereitungen und sah, dass die Westmächte den territorialen Forderungen Deutschlands im September 1938 auf der Münchner Konferenz nachgaben. Deutsche Truppen marschierten in der Tschechoslowakei ein und besetzten das „Sudetenland“. Doch dies bedeutete für die längst beschlossenen und konkret vorbereiteten aggressiven militärischen Pläne der NS-Führung nur einen Aufschub. Für Elser schien „ein Krieg unvermeidlich.“

Das Verhör-Protokoll der Gestapo vom 21. November 1939, das mit entsprechender quellenkritischer Vorsicht benutzt werden muss, da hier zwar Elsers Gedanken, aber oft auch die Formulierungen der vernehmenden Gestapobeamten enthalten sind, macht dieses Hauptmotiv deutlich: „Die von mir angestellten Betrachtungen zeitigten das Ergebnis, dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten. Unter der Führung verstand ich die ‚Obersten‘, ich meine damit Hitler, Göring und Goebbels. Durch meine Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, dass durch die Beseitigung dieser 3 Männer andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen stellen, ‚die kein fremdes Land einbeziehen wollen’ und die für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft Sorge tragen werden.“5)

Der konsequente Kriegsgegner Elser war zum Tyrannenmord entschlossen.

In den oppositionellen Eliten der Wehrmacht und Verwaltung war man zu dieser Zeit noch weit von einem derart radikalen Schritt entfernt. Man erwog, auf die westlichen Regierungen Einfluss zu nehmen und sie zu veranlassen, gegenüber Hitler Kriegsentschlossenheit zu zeigen, um so das Kriegsrisiko bewusst zu machen.

Derartige Überlegungen konnte Elser nicht anstellen. Dazu war er zu weit von den politischen Entscheidungen und den Analysen entfernt, die die Entscheidungsträger erarbeiteten. Ob er verstand, was die Demission von Generalstabschef Ludwig Beck bedeutete, welche Intrige die Blomberg-Fritsch-Affäre darstellte, wissen wir nicht. Er konzentrierte sich auf die Ausführung eines Anschlags und damit einer Tat, mit der er den Lauf der Dinge ändern wollte.

Plan und Tat

Seitenansicht des Sprengkörpers mit Blick auf die beiden Uhrwerke

Um einen geeigneten Ort für den Anschlag auf die NS-Führung zu finden, fuhr Elser am 8. November 1938 nach München, um die Feierlichkeiten anlässlich des Jahrestages des geradezu religiös-rituell erinnerten Hitlerputsches von 1923 zu verfolgen. Nach Hitlers Rede konnte er am selben Abend den unbewachten Bürgerbräukeller besichtigen. Tags darauf, am 9. November, beobachtete Elser den Erinnerungsmarsch der NS-Spitze durch München. In diesen Augenblicken reifte sein Entschluss zur Tat – den Bürgerbräukeller als Ort für ein Sprengstoffattentat auf die NS-Führung zu nutzen.

Nach Königsbronn zurückgekehrt, bereitete Elser die Tat zielstrebig vor. An seinem Arbeitsplatz in der Heidenheimer Armaturenfabrik konnte er sich mindestens 250 Presspulverstücke und einige Zünder beschaffen. Er versteckte sie zu Hause im Kleiderschrank, später in einem Holzkoffer mit doppeltem Boden. Gleichzeitig zeichnete er Pläne für seinen Sprengkörper und entwickelte einen Zündmechanismus. Später entschloss sich Elser, einen Zeitzünder mit zwei Uhrwerken zu konstruieren. So wollte er den Zufall ausschalten, denn zwei unabhängig voneinander tickende Zeitzünder boten eine größere Aussicht, dass der Zünder wirklich funktionierte. Im Herbst 1938 prüfte er auch sehr umsichtig und vorausschauend Fluchtmöglichkeiten in die Schweiz.

Im April 1939 besuchte er erneut München, um die Bewachung des Saales und seine Zugänge zu überprüfen. Zudem maß er die Säule aus, in die er den Sprengkörper einbauen wollte. Er bemühte sich sogar um eine Anstellung im Bürgerbräukeller, scheiterte jedoch mit dieser Bewerbung. Seit April 1939 arbeitete er dann wieder in einem Königsbronner Steinbruch. Hier konnte er mehr als 100 Sprengpatronen und über 125 Sprengkapseln entwenden. Bald konzentrierte er sich ganz auf den geplanten Anschlag. Denn nach einem Arbeitsunfall im Mai 1939, den er vermutlich bewusst herbeigeführt hatte, überlagerte sein Plan alle anderen Aktivitäten und Gedanken. Er unternahm im Juli 1939 Zündversuche im Obstgarten seiner Eltern und nahm dann einen Monat später Quartier in München. Seit September 1939 war er Untermieter bei dem Ehepaar Karl und Rosa Lehmann in der Türkenstraße.

Tagsüber verdingte er sich gelegentlich bei Handwerkern in seiner Nachbarschaft, die er, ohne sie einzuweihen, für seine Pläne ausnutzte. Denn er ließ sie ohne ihr Wissen einzelne Teile für den Sprengkörper fertigen. Abend für Abend versteckte sich Elser auf der Galerie des Saales im Bürgerbräukeller und ließ sich nach Lokalschluss unbemerkt im Gebäude einschließen. Zwischen August und November 1939 gelang es Elser, mit einfachsten Werkzeugen die Säule über Hitlers Rednerpult zu präparieren.

Die Arbeit war mühsam. Elser musste sich verbergen und wurde einige Male sogar im Saal überrascht. Er fing den Schutt in einem selbstgefertigten Sack auf und beseitigte ihn tagsüber unter den Augen der Kellnerinnen im Bürgerbräu: „Immer erst, wenn er voll war, bin ich um die Mittagszeit mit einem Handkoffer von der Kellerstrasse aus durch den rückwärtigen Eingang in den Saal gegangen, begab mich in mein Versteck und schüttete den Inhalt des Kartons in den Koffer. Dann verließ ich mit dem Koffer den Saal auf dem gleichen Weg und begab mich damit zu Fuß in die Anlagen hinter dem Volksbad, wo ich im Hochwasserbett der Isar bei dem dort befindlichen Schutthaufen den Koffer entleerte. Dann ging ich wieder nach Hause. Ich konnte ungehindert in den Saal gelangen. Auf diese Weise habe ich ungefähr 2-3 mal den durch meine Arbeit anfallenden Schutt aus dem Bürgerbräu gebracht.“6)

Die Arbeit war ein Wettlauf gegen die Zeit, denn bis zur Kundgebung im November 1939 mussten alle Vorbereitungen abgeschlossen sein. Den Krieg, den Deutschland am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen begann, konnte Elser durch seine Tat nicht mehr verhindern. Der Kriegsverlauf bestärkt ihn jedoch in seinem Vorhaben. Deshalb erklärte er, er habe mit seiner Tat „noch größeres Blutvergießen“ verhindern wollen. Vielleicht sah er klarer als seine Zeitgenossen, was der Blitzkrieg gegen Polen an Opfern verlangte. In der Tat waren viele deutsche Soldaten gefallen. Sturzkampfbomber hatten polnische Städte zerstört, ethnische Gegensätze waren aufgebrochen. Polen war der erste Schritt. Denn nach der Kriegserklärung von Frankreich und Großbritannien war Elser bewusst, dass eine Ausweitung des Krieges im Westen unausweichlich war.7)

Die meisten Bestandteile seines Sprengkörpers fertigte Elser selbst. Lediglich einzelne Metallstücke beschaffte er sich in unterschiedlichen Werkstätten. Der entscheidende Tag rückte immer näher. Anfang November war es so weit: In der Nacht vom 2. auf den 3. November fixierte Elser die Sprengkörper in der Säule und verfüllte den restlichen Hohlraum mit zusätzlichem Sprengstoff und Pulver. Seinen komplizierten Zündapparat, der sechs Tage voraus eingestellt werden konnte, versuchte er erstmals in der Nacht vom 4. auf den 5. November zu installieren. Dieser Versuch scheiterte. Eine Nacht später war Elser erfolgreicher. Am Morgen des 6. November stellte er beide Uhrwerke auf den Abend des 8. November ein. Er ließ, wie er später bekannte, „damit der Sache ihren freien Lauf.“8)

Hitler bei der Rede am 8. 11. 1939. Elsers Sprengsatz befand sich in der von der Hakenkreuzfahne verdeckten Säule.

Nach einer letzten Überprüfung der Zeitzünder in der Nacht zum 8. November verließ Georg Elser München. Doch eine unerwartete Wendung gefährdete den gesamten Plan schon im Vorfeld: Hitler war zunächst fest entschlossen, wegen des Krieges und des aus seiner Sicht unmittelbar bevorstehenden Angriffs deutscher Truppen im Westen erstmals bei den Feiern zum Jahrestag des Hitlerputsches nicht selbst zu reden. Statt seiner sollte nur sein Stellvertreter Rudolf Heß sprechen. Kurzfristig entschloss sich Hitler dann aber doch noch, eine wesentlich gekürzte grundsätzliche Rede zu halten, die er zu Ausfällen gegen die britische Regierung nutzte. Er sprach erheblich kürzer als bei den vorangegangenen  Feierlichkeiten, weil er unmittelbar nach seiner Ansprache nach Berlin zurückkehren wollte. Wegen der Wetterverhältnisse konnte Hitler für die Rückreise nicht das Flugzeug nutzen, sondern war auf einen Sonderzug der Reichsbahn angewiesen.

Spurensicherung nach dem Anschlag

Nach dem Ende seiner Rede gegen 21.07 Uhr verließen Hitler und andere hohe NS-Führer somit wesentlich früher als sonst den Saal. Gegen 21.20 Uhr explodierte der Sprengkörper. An der Stelle von Hitlers Rednerpult türmte sich ein meterhoher Schutthaufen. Die Explosion zerstörte nicht nur die Säule hinter dem Rednerpult, sondern auch die gesamte Saaldecke. Es gab Tote und sehr viele Verletzte. Elsers „Höllenmaschine“ hatte funktioniert.

Hintermänner?

Unmittelbar nach der Detonation begann die Suche nach den Attentätern. Die Polizei löste Großalarm aus. Unverzüglich wurden die Grenzkontrollen verstärkt. Alle Angestellten des Bürgerbräukellers wurden verhört. Bereits wenige Stunden nach der Tat stand fest, dass es sich um die „Explosion eines hochbrisanten Stoffes in Verbindung mit einem Zeitzünder“ gehandelt hat. Die Sprengstoffspezialisten der Münchner Polizei und der rasch gebildeten Sonderkommission des Reichssicherheitshauptamtes gingen davon aus, dass „fachmännisch hervorragende Arbeit geleistet worden ist.“9) Sie fanden nach der Durchsuchung des Trümmerschutts zwar Teile des Zeitzünders und des Sprengapparates, aber noch keine konkreten Hinweise auf den Täter. Auch die Ermittlung der Uhrfabrikate, in die das Reichspatentamt eingeschaltet wurde, führte nicht weiter. Unverzüglich wurde für die Ergreifung der Täter eine hohe Belohnung ausgesetzt. Diese hatte Hunderte von Denunziationen zur Folge. Erst nach Tagen gingen einige Hinweise auf einen noch unbekannten „Handwerker“ ein, der in den Wochen vor dem Anschlag oft im Bürgerbräukeller gesehen worden war.

 

Elser fuhr am 8. November 1939 nach Konstanz, um dort illegal die Grenze zur Schweiz zu passieren. Es ist unklar, wie Elser in der Schweiz behandelt worden wäre. Auch wer die sorgfältigen Ermittlungsergebnisse liest, die die schweizerische Polizei nach einem umfangreichen Fragenkatalog des Reichssicherheitshauptamtes Anfang 1940 zusammenstellte, und die Ulrich Renz gefunden und publiziert10) hat, die jüngst auch Helmut G. Haasis in seiner Biografie über Elser ausgewertet hat,11) wird hierauf keine Hinweise finden. Stattdessen finden sich Bemerkungen über Elsers Stundenlohn (1,20 Franken). Beeindruckend ist auch das Ansehen, das Elser Ende der zwanziger Jahre in Konstanz gewonnen hatte. So liest man: „Elser galt als flotter Bursche und war beliebt.“12)

In der Nacht zum 9. November 1939 erreichte Georg Elser sein Fluchtziel, die Schweiz, allerdings nicht mehr. Denn bereits um 20.45 Uhr wurde er von einer deutschen Zollstreife festgenommen und der örtlichen Grenzpolizei übergeben. Bei seiner Festnahme trug er eine Ansichtskarte des Bürgerbräukellers, ein Abzeichen des Roten Frontkämpferbundes, Aufzeichnungen über Rüstungsfertigungen sowie einige Teile des Zeitzünders bei sich.

Damit wollte Elser versuchen, in der Schweiz seine politische Opposition gegen den Nationalsozialismus, möglicherweise auch seine Urheberschaft am Münchener Attentat zu beweisen. Dies sollte ihn vor einer Auslieferung nach Deutschland schützen. Der Zollassistent Xaver Rieger, der ihn festnahm, wurde zum Zollinspektor, der ihn begleitende Hilfsgrenzangestellte Waldemar Zipperer zum Zollassistenten befördert. Zipperer war nach 1945 in Offenburg als Unternehmer tätig und erhielt 1978 sogar wegen seiner wichtigen Rolle im örtlichen Wirtschaftsleben das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Die beiden von der nationalsozialistischen Propaganda als Drahtzieher des Anschlags apostrophierten britischen Geheimdienstagenten Stevens (li.) und Best (re.)
Foto: ullstein bild

Bald darauf wurde Elser nach München überführt, hier in der Staatspolizeileitstelle im Wittelsbacher Palais verhört und gefoltert. In der Nacht vom 13. auf den 14. November 1939 gestand er seine Alleintäterschaft. Während er die ermittelnden Kriminalisten wegen der Fülle seines Detailwissens überzeugen konnte, schenkte die NS-Führung aber Elsers Behauptung, alleine gehandelt zu haben, zunächst keinen Glauben. Hitler persönlich vermutete hinter dem Anschlag den britischen Geheimdienst. Diese Deutung stellte die NS-Propaganda dann in den Mittelpunkt ihrer Berichterstattung.

Neben einer Vielzahl von Treuekundgebungen am 9. November 1939 gibt es in Deutschland seltene kritische Äußerungen von Zeitgenossen, die das Scheitern des Attentats bedauern. Deutsche, die sich als Befürworter des Anschlags zu erkennen gegeben haben, werden denunziert, vor Sondergerichte gestellt oder ohne Verfahren in Konzentrationslager verschleppt. Die meisten Deutschen, unter ihnen auch Regimegegner im Zentrum der Macht, wissen nicht, wen sie für das Attentat verantwortlich machen sollen. Manche übernehmen die Deutung der NS-Führung, dass es sich um eine vom britischen Geheimdienst geplante Aktion gehandelt habe. Andere gehen davon aus, dass die Nationalsozialisten das Attentat selbst inszeniert hätten, um auf diese Weise den Mythos von Hitlers Unverletzbarkeit und seiner Begünstigung durch die „Vorsehung“ zu stärken. Auch viele Angehörige der deutschen Opposition sind sich völlig sicher, dass es sich beim Münchner Anschlag um eine Provokation der Geheimen Staatspolizei handelt habe.

Von der Diffamierung zum Mord

So begann eine sehr vielfältig gefärbte Diffamierung Elsers, die die NS-Zeit noch um Jahrzehnte überdauern sollte. Für Georg Elser aber begann ein Weg durch die Gefängnisse in München und Berlin, in das KZ Sachsenhausen und schließlich in das KZ Dachau. Im KZ Sachsenhausen bekam Elser eine geräumige Zelle und durfte sogar Tischlerarbeiten ausführen. Der prominente Gefangene wurde Tag und Nacht von mindestens zwei SS-Männern bewacht. Er fertigte kleinere Möbelstücke für seine Bewacher und baute sich auch eine Zither, auf der er manchmal spielte. Von Kontakten zu anderen Gefangenen blieb er völlig abgeschnitten. Mehr als fünf Jahre verbrachte er so in totaler Isolation. Die lange Kontaktsperre begünstigte Gerüchte unter den Häftlingen und den Bewachern, die nach 1945 das Bild von Elser als Handlager der NS-Führung prägten.

Alle Familienangehörigen Elsers wurden nach dem Attentat festgenommen und in Berlin verhört. Während Georg Elser inhaftiert war, starb am 11. August 1942 sein Vater. Damit musste die Frage geklärt werden, wer Erbe sei.  So wurde nach langer Zeit wieder einmal nach Johann Georg Elser, dem Sohn des Verstorbenen gefragt. Die NS-Bürokratie lief an. Nachdem das Reichssicherheitshauptamt festgestellt hatte, „dass die Bestrebungen des Johann Georg Elser volks- und staatsfeindlich gewesen sind“, wurde der Oberfinanzpräsident in München im April 1943 „mit der Verwaltung und Verwertung des zu Gunsten des Reichs eingezogenen Vermögens des Volksfeindes Georg Elser beauftragt“. Sein gesamtes Erbe in Höhe von 200 RM und 47 Pfennigen wurde beschlagnahmt.

Während sich sowjetische Truppen der Reichshauptstadt näherten, beschloss die NS-Führung am 5. April 1945 den Mord an prominenten Regimegegnern. Hitlers und Himmlers Entscheidungen sollten von Gestapo-Chef Heinrich Müller in die Tat umgesetzt werden. Den Auftrag für den Mord an prominenten Häftlingen, die die Befreiung nicht mehr erleben sollten, erhielt SS-Standartenführer Walter Huppenkothen.13)

Am 7. April war Huppenkothen im KZ Sachsenhausen „Ankläger“ eines Standgerichts, das dem Mord an dem Widerstandskämpfer Hans von Dohnanyi einen justizförmigen Anschein verleihen sollte. In derselben Funktion war Huppenkothen im KZ Flossenbürg am 9. April 1945 an der Ermordung des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, des ehemaligen Abwehrchefs Wilhelm Canaris, des Abwehroffiziers Ludwig Gehre und des Chefs der Heeresjustiz, Karl Sack, maßgeblich beteiligt.

Nach Flossenbürg war Huppenkothen mit einem Häftlingstransport gekommen, der von Wilhelm Gogalla, dem Chef des „Hausgefängnisses“ des RSHA in der Prinz-Albrecht-Straße 8, geleitet wurde. Gogalla, der sich am 9. April von Flossenbürg in Richtung Dachau auf den Weg machte, hatte einen weiteren Mordbefehl in der Tasche. Er stammte ebenfalls von Heinrich Müller und war an den Kommandanten des KZ Dachau, SS-Sturmbannführer Eduard Weiter, gerichtet. Der Brief enthielt detaillierte Weisungen zu einigen prominenten „Sonderhäftlingen“, etwa zum früheren Generalstabschef Franz Halder oder zum ehemaligen österreichischen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg.

Müller schrieb: „Auch wegen unseres besonderen Schutzhäftlings ‚Eller‘ (sic!) wurde erneut an höchster Stelle Vortrag gehalten. Folgende Weisung ist ergangen: Bei einem der nächsten Terrorangriffe auf München bzw. auf die Umgebung von Dachau ist angeblich ‚Eller‘ tötlich (sic!) verunglückt. Ich bitte, zu diesem Zweck ‚Eller‘ in absolut unauffälliger Weise nach Eintritt einer solchen Situation zu liquidieren. Ich bitte besorgt zu sein, dass darüber nur ganz wenige Personen, die ganz besonders zu verpflichten sind, Kenntnis erhalten. Die Vollzugsmeldung hierüber würde dann etwa an mich lauten: ‚Am .... anlässlich des Terrorangriffs auf ... wurde u.a. der Schutzhäftling ‚Eller‘ tötlich verletzt.’“14)

Damit hatte der Kurier aus Berlin ganz konkrete Mord- und Tarnanweisungen des Schreibtischtäters Heinrich Müller in der Tasche, als er am Abend des 9. April 1945 im KZ Dachau eintraf. Einen Mord als Luftangriff zu tarnen, hat sich für die Nationalsozialisten bereits bei der Erschießung des KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann am 23. August 1944 im KZ Buchenwald „bewährt“.

Doch die Lagerführung des völlig mit verhungernden Häftlingen überfüllten KZ Dachau hatte andere Sorgen als die sorgfältige Vertuschung eines einzelnen Mordes. Wieder einmal klafften Befehl und Realität im NS-Staat auseinander. Da die Zellen des Lagergefängnisses, des „Kommandanturarrests“, überfüllt und für die neuen prominenten Häftlinge kein Platz vorhanden war, warteten Weiter und seine SS-Führer nicht erst einen Luftangriff ab.

Noch am selben Abend wurde der Häftling „Eller“ aus seiner Doppelzelle geholt und in der Nähe des alten Krematoriums von einem SS-Oberscharführer erschossen, seine Leiche am nächsten Tag verbrannt. Fast zur gleichen Zeit wurden im Konzentrationslager Flossenbürg der Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer gemeinsam mit Wilhelm Canaris und Karl Sack getötet. So machten die Nationalsozialisten durch die gleichzeitige Ermordung vieler Regimegegner und des Schreiners Elser deutlich, dass dieser aus dem Schwäbischen stammende Gegner der Nationalsozialisten zu den bedeutendsten Gegnern des NS-Staates gehörte.

Kein Ende der Verunglimpfungen

Doch mit Georg Elsers Tod war die Debatte um seine Tat, seine Verantwortung und seine Motive nicht beendet. Die Diskussion wurde fortgesetzt. „Einer der nicht mehr am Leben ist, kann sich nicht mehr verteidigen.“ Diesen bitteren Satz schrieb die Mutter des Münchner Bürgerbräu-Attentäters Georg Elser am 20. April 1946 an den Theologen Martin Niemöller (vgl. auch Faksimile eines weiteren Briefes auf S. 268).15) Dieser hatte behauptet, Elser habe das Attentat am 8. November 1939 als SS-Mitglied verübt. Die NS-Urheberschaft war neben der These, Elser habe im britischen Auftrag gehandelt, eine der häufigsten Deutungen des Anschlags. Doch dahinter verbarg sich weitaus mehr.

Die deutsche Zusammenbruchsgesellschaft war nicht um Entschuldigungen und Ausflüchte verlegen. „Nazis“ hatte es nur wenige gegeben, „Mitläufer“ oder „Entlastete“ waren die häufigsten Kategorien der von den Alliierten verordneten und oft nur widerwillig durchgeführten Entnazifizierungsverfahren. Nachdenken über Alternativen zum Mitmachen oder zur Täterschaft gab es selten.16) Den wenigen, die Widerstand gegen die NS-Diktatur geleistet hatten, haftete lange Jahre das Odium des „Verrats“ an. Dies galt selbst für die Tat des 20. Juli 1944.17)

Zu akzeptieren, dass das Attentat vom 8. November 1939 von einem schwäbischen Handwerker geplant und begangen worden war, hätte das deutsche Selbstbild vom alternativlosen Gehorsam zu sehr ins Wanken gebracht. Solche Gedanken passten nicht in das Deutschland der fünfziger Jahre. Georg Elser verkörperte eine unangenehme Alternative. So konnten die Gerüchte wuchern.

Von Anfang an wussten die meisten Deutschen nicht, wer für das Attentat verantwortlich war. Manche übernahmen die Deutung der NS-Führung von einer Aktion des britischen Geheimdienstes. Andere gingen davon aus, dass die Nationalsozialisten das Attentat selbst inszeniert hatten, um auf diese Weise den Mythos von Hitlers Unverletzbarkeit und seiner angeblichen Begünstigung durch die „Vorsehung“ zu stärken. Auch viele Angehörige der deutschen Opposition waren sicher, dass es sich beim Münchner Anschlag um eine Provokation der Geheimen Staatspolizei gehandelt haben musste.

Die Variante, Elser sei ein Werkzeug des britischen Geheimdienstes gewesen, ging auf NS-Propagandaminister Joseph Goebbels zurück, der bereits in der Nacht nach dem Attentat davon ausging, dass das Attentat „zweifellos in London erdacht“ worden sei.18) Die Organisation des Anschlags in englischem Auftrag sollte nach dieser Lesart Otto Strasser, der Führer der „Schwarzen Front“, einer Oppositionsbewegung früherer Nationalsozialisten, übernommen haben. Strasser ging im November 1939 sofort in die Offensive. Er sah im Attentat eine nationalsozialistische Provokation. Diese Sicht wurde allerdings von vielen ausländischen Zeitungen übernommen und geteilt.

Um ihre Verschwörungsthese zu stützen, lenkte die NS-Propaganda die Aufmerksamkeit auf zwei Agenten des britischen Geheimdienstes, auf Best und Stevens. Sie waren am 9. November 1939 in Venlo in eine langfristig vorbereitete Falle des deutschen SD-Auslandsgeheimdienstes gelaufen und über die niederländisch-deutsche Grenze verschleppt worden. Die beiden Entführten wurden zu „Hintermännern“ des Münchner Anschlags stilisiert, obwohl sie in Wirklichkeit nichts damit zu tun hatten.19) Die NS-Führung plante gegen Elser und die beiden britischen Offiziere nach einem siegreichen Krieg einen Schauprozess vor dem Volksgerichtshof.

An diesen Gerüchten beteiligte sich auch ein integrer Mann wie der langjährige KZ-Häftling und spätere Kirchenpräsident Martin Niemöller. In einer Rede vor Göttinger Studenten erklärte er am 17. Januar 1946: „In Sachsenhausen und Dachau habe ich in demselben Zellenbau zusammengesessen mit dem Mann, der 1939 das Attentat im Bürgerbräukeller auf Hitlers persönlichen Befehl durchzuführen hatte: dem SS-Unterscharführer Georg Elser. Mit diesem Mann sollte ein zweiter Reichstagsbrandprozess durchgeführt werden.“20)

Am 23. Februar 1946 antwortete ihm Elsers Mutter Marie: „Mein Sohn war bis zu seiner Festnahme Nov. 39 nicht bei der SS, noch viel weniger SS-Scharführer. Davon weiss ich nichts. Eine Mutter muss es doch besser wissen als ein Außenstehender. Das ganze Dorf war empört über diesen Bericht... Das einzige, was mich interessiert, wird nie berichtet, ob er noch lebt oder nicht.“21) In seiner Antwort vom 23. März 1946 legte Niemöller nach: „Dass Ihr Sohn zur SS gehört habe, ist mir schon in Oranienburg wie auch später in Dachau von SS-Angehörigen mitgeteilt worden. Er verkehrte mit ihnen auch durchaus kameradschaftlich und stand auf Du und Du mit ihnen... Ich persönlich hatte ebenso wenig wie irgendein anderer Gefangener Erlaubnis, mit ihm zu sprechen, traf ihn aber einmal in einem unbewachten Augenblick in der Wachstube des Zellenbaus in Dachau, wo wir aber nicht von dem Attentat oder den Begleitumständen miteinander gesprochen haben.“22) Mit anderen Worten: Niemöller verbreitete Lagerklatsch.

Schreiben Maria Elsers an Martin Niemöller, 23. 2. 1946

Elsers Mutter antwortete ihm am 20. April 1946: „Wir alle bedauern sehr, dass mein Sohn und unser Bruder nicht mehr am Leben sein soll, aber der Zeit nach hätte er ja schon kommen sollen, wenn er noch leben täte.

Wissen Sie, Herr Pfarrer Niemöller, es ist sehr belastend für uns, dass alle Zeitungen und der Rundfunk in alle Welt hinaus posaunen, dass mein Sohn bis 1939 bei der SS [war]. Eine Zeitung brachte SS-Scharführer, die andern SA. Das alles ist nicht wahr, er war bis zu seiner Festnahme 1939 in keiner Formation im Hitler-Regime. Das ganze Dorf kann es bezeugen... Einer, der nicht mehr am Leben ist, kann sich nicht mehr verteidigen. Da kann man ruhig noch mehr auf ihn abladen.“23)

Selbst nachdem in den sechziger Jahren Anton Hoch und Lothar Gruchmann die grundlegenden Quellen zu Elser veröffentlicht hatten, wiederholte Martin Niemöller seine alten Positionen. Noch im Mai 1971 konzedierte er zwar, Elser „kaum“ gesprochen zu haben, „aber ich habe von der Behandlung, die man ihm von der SS danach zuteilwerden ließ, geschlossen, dass man ihn als ‚guten‘ Kameraden betrachtete. An die Echtheit des ‚Attentats‘ habe ich nie geglaubt, und glaube auch heute nicht daran, weil ich beide ‚Mitangeklagte‘, die Engländer Best und Stevens, gut gekannt habe und beide wussten von Elser, ihrem angeblichen Komplizen, nichts... Meine Theorie: Das ‚Attentat‘ war eine Dichtung, mit der man den Kampfeswillen des deutschen Volkes nach dem Ende des ‚Polenfeldzuges‘ neu anheizen wollte; die Engländer kidnappte man an der holländischen Grenze, um ihnen später einen Schau-Prozeß zu arrangieren.“24)

Die Reaktionen von Strasser und Niemöller zeigen die Wirksamkeit der NS-Propaganda über das Jahr 1945 hinaus. Sie offenbaren zugleich die Unfähigkeit oder den Unwillen anderer prominenter Regimegegner, die Tat Elsers als einen eigenständigen Akt des Widerstandes zu akzeptieren. Gegen das Wort eines Kirchenpräsidenten konnte sich eine einfache Handwerkerfamilie nur schwer wehren.

Ein Antrag von Elsers Schwester Maria Hirth auf Haftentschädigung wurde 1951 brüsk abgelehnt: „Ihre Unterstützung Elsers bestand darin, dass Sie ihm die Möglichkeit der Übernachtung in Ihrer Wohnung gaben und dass Sie über die Dauer der angeblichen Reise nach der Schweiz verschiedene harmlose Gegenstände für ihn aufbewahrten. Außerdem gaben Sie Ihrem Bruder noch RM 30.-- Reisegeld mit. Aus politischen Gründen haben Sie aber nicht gehandelt. Es ist vielmehr kaum anzunehmen, dass Sie Elser gegenüber eine gleiche Haltung eingenommen hätten, wenn Sie von dem geplanten Attentat gewusst hätten.“25) Mit dieser Spekulation erteilte die Landesbezirksstelle für die Wiedergutmachung in Stuttgart der Schwester Elsers zugleich eine moralische Ohrfeige.

Von den Lagergerüchten, die Niemöller kolportierte, war es nicht weit zu ihrem Niederschlag in Memoiren oder in der wissenschaftlichen Literatur. Besonders fatal waren die 1950 erscheinenden Erinnerungen von Elsers Mithäftling in Sachsenhausen und Dachau, Captain Best: „The Venlo Incident“.26) Er habe zwar mit Elser nie sprechen, mit diesem aber über den Zeitraum von zwei Jahren Kassiber austauschen können. Elser sei vor 1939 Häftling im KZ Dachau gewesen und habe das Attentat im Auftrag „Alter Kämpfer“ der NSDAP ausgeführt. Bests Darstel-lung wimmelte von Fehlern, Abstrusitäten und Lagerklatsch. Dennoch wurde seine Version in den kommenden Jahren für Historiker wie Gerhard Ritter, Hans Rothfels, Allan Bullock, Gerhard Reitlinger und andere maßgeblich. Elser als Werkzeug der Nazis, das Attentat eine NS-Provokation wie der Reichstagsbrand oder der Überfall auf den Sender Gleiwitz zu Beginn des Zweiten Weltkrieges – diese Variante passte gut in die gängigen Erklärungsmuster der Nationalsozialisten.

Doch die Ursachen für die zahlreichen Gerüchte lagen nicht nur im mangelnden Wissen über Elsers Leben vor dem Attentat, über die sorgfältige Planung und über seine Isolationshaft begründet. Den Hintergrund beleuchtete der Chef des Reichskriminalpolizeiamtes, Arthur Nebe, 1941 am zehntausendfachen Massenmord in der Sowjetunion beteiligt, gegenüber Hans-Bernd Gisevius, als er sagte: „Und du wirst sehen, den Mann machen sie noch hinterher fertig: den schweigen sie tot... der Mann wollte einfach nicht den Krieg... Gerade deswegen werden deine feinen Leute nichts von ihm wissen wollen, auch nicht hinterher... Sie haben übrigens ganz recht damit; sie handeln völlig instinktsicher. Der passt nicht zu ihnen.“27)

In einer Zeit zaghafter Ansätze zur Würdigung des elitär-konservativen Widerstandes, in der der Widerstand aus der Arbeiterbewegung ignoriert und die Verbrechen des Nationalsozialismus beharrlich verdrängt werden, passte der Einzeltäter und überzeugte Kriegsgegner nicht ins Bild.

Elser kann für keinen Traditionszusammenhang beansprucht werden: Er wählte kommunistisch, folgte aber nicht der Parteilinie. Er war Christ, engagierte sich aber nicht in der Amtskirche. Er passte weder in ein konservativ-nationales, noch in ein bürgerlich-liberales Schema des Kampfes gegen die Diktatur.28)

Ein sensationeller Quellenfund

Doch alle Spekulationen und Diffamierungen verloren Mitte der sechziger Jahre an Wirkung, als der Münchener Historiker Lothar Gruchmann Elsers Verhörprotokolle in den Akten des Reichsjustizministeriums fand.29) Sie gelten bis heute als der wichtigste Zugang zu Elsers Denken und Handeln. Auch wenn sich in ihnen über weite Strecken die Sprache der Gestapo spiegelt, wurden die Motive und Details der Tat deutlich. Dennoch ließ die öffentliche Ehrung bis in die achtziger Jahre auf sich warten. Heute gilt Elser als „der wahre Antagonist Hitlers“ (Joseph P. Stern),30) der „einsame Attentäter“ (Peter Steinbach)31) oder der „einsame Zeuge“ (Klemens von Klemperer)32) und als einer der konsequentesten Gegner der NS-Diktatur.

Untertitel

Elsers Heimatort Königsbronn hatte lange Zeit ein zwiespältiges Verhältnis zu ihm. Die Erinnerungen an die Gestapo-Verhöre 1939, die damals entstandene Verhöhnung „Attentatshausen“ und wirre Verschwörungstheorien verhinderten eine echte Annäherung an Elser.

Erst langsam gelang es dem „Georg Elser-Arbeitskreis“ aus Heidenheim, seit 1989 in vielen Veranstaltungen diesen Circulus virtuosus zu durchbrechen.33) So wurde 1989 gegenüber dem Rathaus von Königsbronn eine Gedenkstätte eröffnet. Der Stuttgarter Staatssekretär Christoph Palmer erklärte: „Das Land Baden-Württemberg ist stolz auf einen seiner größten Söhne“.

1999 gab es eine neue Deutung und eine neue Diskussion. Lothar Fritze kam in seiner Chemnitzer Antrittsvorlesung34) zu dem Schluss, „dass es sich bei dem Anschlag von Elser um eine Tat gehandelt hat, deren Ausführungsweise moralisch nicht zu rechtfertigen“ sei. Diese Deutung wurde intensiv diskutiert und vielfach zurückgewiesen.35)

2009 hat Fritze seine Argumente noch einmal zur Diskussion stellen wollen. Dabei wurde deutlich, in welchem Maße diese von der Unterstellung geprägt wurden, an Elser zu erinnern bedeute, seine Tat zur Nachahmung zu empfehlen.

Fritze deutet Elsers Anschlag auf Hitler als Terrorismus und rückt seine Handlungsweise in die Nähe der RAF, die Menschen entführte, Menschen hinterrücks ermordete, Banken überfiel und sich Schießereien mit Polizeibeamten lieferte. Diese Argumente sind absurd. Wenn Elser als ein „Vorbild“ gelten kann, dann wegen seiner Bereitschaft, genau hinzuschauen, die Realität des NS-Staates zu erkennen, sich zu empören und zu handeln.

Johann Georg Elser wurde noch in letzter Stunde erschossen, weil er als erster Deutscher dem Ziel, Hitler zu töten, denkbar nahe gekommen war. Er hatte nur deshalb bis April 1945 überlebt, weil ihm nach einem von den Deutschen gewonnenen Krieg ein großer Schauprozess hätte gemacht werden sollen. Insgesamt gibt es heute ein gesichertes Bild der Tat, der Motive des Täters und seiner Handlungen. Lothar Gruchmann hatte 1984 festgestellt: „Elser war weder ein von krankhafter Ruhmsucht noch von niedrigen Tötungsinstinkten getriebener Krimineller, der von anderen als Werkzeug benutzt wurde. Seine – eigenen Überlegungen entsprungenen – Motive für die Tat berechtigen vielmehr, ihn unter die Männer des deutschen Widerstands gegen das NS-Regime einzureihen.“36) Fritze kritisiert die neuen Forschungen ebenso wie die Bemühungen, Elser in den Zu-sammenhang der Widerstandsgeschichte zu rücken, wenn er betont, seine Aufmerksamkeit sei gewachsen angesichts der „kaltschnäuzige(n), erschreckend unbekümmerte(n) Art der Darstellung eines Ereignisses, bei dem Unschuldige in Mitleidenschaft gezogen wurden...“ Dennoch ist ihm zuzustimmen, wenn er betont: „Sobald eine Handlung positiv herausgestellt und moralisch gewürdigt wird, hat man normativ Stellung bezogen. Damit hat man nicht nur die Ebene der Deskription verlassen, sondern man hat in dem Falle, dass mit dieser Handlung Rechte Dritter verletzt werden, auch Begründungspflichten übernommen.“

Nachwirkung und Verpflichtung

Gedenktafel in Schnaitheim bei Heidenheim

Die Verpflichtung hat der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer verspürt, als er sich Mitte der sechziger Jahre mit den geistesgeschichtlichen Grundlagen des Widerstands beschäftigte. Die Geschichte des Widerstands erwecke leicht den Eindruck, hatte Bauer festgestellt, „als ob Widerstand sich in der Ermordung des Tyrannen erschöpfe.“ Er wusste, dass der Tyrannenmord „in Wahrheit“ nur einen Grenzfall darstellt und zog eine ganz entschiedene, sehr persönliche Konsequenz: „Wer ihn bejaht, bekennt sich gleichzeitig auch zu allen anderen Formen des Kampfes gegen staatliches Unrecht.“

Elser stellte sich gegen das Unrecht – dass er damit schuldig werden musste, wusste er wie alle anderen Regimegegner, die nicht nur ihr Leben einsetzten, um Hitler, den Tyrannen, den „Widerchrist“, den Vertreter des Bösen schlechthin zu töten. Widerstand zu leisten bedeutete immer, Verantwortung für die Folgen zu übernehmen, sich also nicht von Schuld zu entlasten, sondern zusätzliche Schuld auf sich zu nehmen.

Aktualisierungen können die Phantasie anregen, um Grenzfälle der schweren Entscheidung zu durchdenken, die der Entschluss zum Widerstand, zur Auflehnung, zum Protest bedeutete – historisch schlüssige Antworten liefern sie nicht. Denn der Historiker ist weder Angehöriger eines weltgeschichtlichen Gerichts noch Staatsanwalt. Schon gar nicht ist er Gefängniswächter. Er weiß, dass Geschichte „war“, dass es deshalb um „Verstehen“ geht, nicht um Verurteilung und Verdammnis, sondern um Erklärung dessen, was war – und möglich war!

Doris Ehrhardt hielt 1996 als Fazit ihrer Studie fest: „Dass Elser sich in keine politische Gruppierung einordnen lässt, ist [...] ein Grund, warum er für das Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland keine Bedeutung hat und im Bewusstsein der Deutschen kaum Platz fand. Anderer-seits würde ihn gerade seine politische Unabhängigkeit dafür prädestinieren, ihn als Widerstandskämpfer aller Deutschen zu sehen. Elsers politische Haltung ist gekennzeichnet von radikaler Ablehnung des Nationalsozialismus, von Pazifismus, vom Verlangen nach sozialer Gerechtigkeit und individuellen Freiheitsrechten. Es fällt schwer zu glauben, dass sich ‚die Deutschen’ damit nicht identifizieren können.“37) Erinnert sei deshalb noch einmal an Fritz Bauers Satz: „Die Auseinandersetzung mit unserer jüngsten Vergangenheit erfordert gewiss ein Wissen um Fakten, aber das genügt nicht, nötig ist auch der Versuch ihrer Deutung, ohne die keine Folgerung und keine Lehre gezogen werden können.“

 

Prof. Dr. Peter Steinbach ist Historiker und Politikwissenschaftler und lehrt als Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Mannheim. Zudem ist er wissenschaftlicherLeiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin.


Fußnoten

*Dieser Beitrag geht auf einen Vortrag zurück, der am 22. 10. 2009 auf einem Symposium der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit gehalten wurde. Inhaltlich fußt er auf den gemeinsamen Arbeiten von Prof. Dr. Johannes Tuchel und mir. Vor mehr als zehn Jahren wurde in Berlin eine Ausstellung über Elser und seine Tat eröffnet, die anschließend modifiziert in Königsbronn zu sehen war. Tuchel und mich hat das Thema seitdem nicht mehr losgelassen. Ich verweise auf unsere gemeinsame Publikation: Peter Steinbach/Johannes Tuchel, Georg Elser, Berlin 2008 (eine Veröffentlichung der Ernst Freiberger Stiftung).

1 Margret Boveri, Verrat im 20. Jahrhundert, Bd. II: Für und gegen die Nation – Das unsichtbare Geschehen, Reinbek 1956, S.10.

2 Grundlegend zu Georg Elser: Lothar Gruchmann (Hg.), Johann Georg Elser. Autobiographie eines Attentäters. Aussage zum Anschlag im Bürgerbräukeller, Stuttgart 1970 (zuletzt Stuttgart 1989) mit einer Biografie Elsers und der ausführlichen Vernehmung der Geheimen Staatspolizei 1939, und Anton Hoch/Lothar Gruchmann, Georg Elser: Der Attentäter aus dem Volke. Der Anschlag auf Hitler im Münchner Bürgerbräu 1939, Frankfurt am Main 1980. Vgl. auch Peter Steinbach/Johannes Tuchel, „Ich habe den Krieg verhindern wollen“. Georg Elser und das Attentat vom 8. November 1939. Eine Dokumentation. Katalog zur Ausstellung, Berlin 1997, sowie die Internetpräsentation www.georg-elser.de mit einer ausführlichen Bibliografie.

3 Vernehmung Elsers vom 21. November 1939, zit. n. Hoch/Gruchmann (wie Anm. 2), S. 96.

4 Ebd.

5 Ebd., S. 99.

6 Ebd., S. 134.

7 Ebd., S. 92.

8 Ebd., S. 145.

9 Bericht des Münchner Polizeipräsidenten Friedrich Karl Freiherr von Eberstein vom 9. November 1939, Faksimile in: Steinbach/ Tuchel (wie Anm. 2), S. 58.

10 Ulrich Renz, Die Akte Elser, Königsbronn 2000.

11 Hellmut G. Haasis, „Den Hitler jag ich in die Luft“. Der Attentäter Georg Elser. Eine Biographie, Reinbek b. Hamburg 2001.

12 Renz (wie Anm. 10), S. 24.

13 Zum Gesamtzusammenhang der Verfolgungsmaßnahmen nach dem 20. Juli 1944 vgl. den Beitrag von Johannes Tuchel und Ulrike Hett zu diesem Band.

14 Schreiben Müllers vom 5. April 1945, Faksimile in Steinbach/Tuchel (wie Anm. 2), S. 90 f.

15 Faksimile auch in Steinbach/Tuchel (wie Anm. 2), S. 97. Zum Gesamtzusammenhang vgl. Ulrich Renz (Bearb.), Der Fall Niemöller. Ein Briefwechsel zwischen Georg Elsers Mutter und dem Kirchenpräsidenten, Königsbronn 2002.

16 Vgl. zum Gesamtkontext Peter Reichel, Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur von 1945 bis heute, München 2001, S. 30 ff.

17 Vgl. Peter Steinbach, Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen. Ausgewählte Studien, 2., wesentlich erweiterte Auflage, Paderborn 2001, S. 467 ff.

18 Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Sämtliche Fragmente, hg. v. Elke Fröhlich im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte und in Verbindung mit dem Bundesarchiv, Bd. 3, München u.a. 1987, S. 636, Eintrag vom 9. November 1938.

19 Als problematisches Selbstzeugnis dazu: S. Payne Best, The Venlo Incident, London 1951.

20 Abdruck bei Renz (wie Anm. 15), S. 13.

21 Faksimile in Steinbach/J. Tuchel (wie Anm. 2), S. 94.

22 Faksimile ebd., S. 95.

23 Faksimile ebd., S. 97.

24 Institut für Zeitgeschichte München, ZS 1942, Schreiben vom 12. Mai 1971.

25 Faksimile in Steinbach/Tuchel (wie Anm. 2), S. 98.

26 Best (wie Anm. 19).

27 Hans Bernd Gisevius, Wo ist Nebe? Erinnerungen an Hitlers Reichskriminaldirektor, Zürich 1966, S. 214 f.

28 Ausführlich dazu Thekla Dannenberg, Georg Elser: Seine Funktion in der Nachkriegsdebatte über den deutschen Widerstand, Diplomarbeit am Fachbereich Politische Wissenschaft der Freien Universität Berlin, Berlin 1996, sowie Doris Ehrhardt, Verfemt, verdrängt, verehrt: Johann Georg Elser, Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Eine Untersuchung der politischen Haltung des Hitler-Attentäters und seiner politischen Bewertung in Deutschland von 1939 bis 1995, Diplomarbeit am Fachbereich Politische Wissenschaft der Universität Hamburg, Hamburg 1996.

29 Sie liegen heute im Bundesarchiv, R 22/3100.

30 Joseph Peter Stern, Der Mann ohne Ideologie. Georg Elser – Hitlers wahrer Antagonist, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 4. November 1978.

31 Peter Steinbach, Der einsame Attentäter. Zur Erinnerung an Johann Georg Elser, in: Zeitgeschichte 17 (1989/90), S. 349-363.

32 Klemens von Klemperer, Der einsame Zeuge. Einzelkämpfer im Widerstand. Mit einem Beitrag von Peter Steinbach, Passau 1990.

33 Vgl. Georg-Elser-Arbeitskreis (Hg.), Gegen Hitler – gegen den Krieg! Georg Elser. Der Einzelgänger, der frei und ohne Ideologie, auf sich selbst gestellt, bereit war zum Eingriff in die Geschichte, Heidenheim 1989, überarbeitete und erweiterte Neuausgabe, Heidenheim 2003.

34 Lothar Fritze, Die Bombe im Bürgerbräukeller. Der Anschlag auf Hitler vom 8. November 1939. Versuch einer moralischen Bewertung des Attentäters Johann Georg Elser, in: Jahrbuch der Juristischen Zeitgeschichte 1 (1999/2000), S. 206-216 (Erstveröffentlichung in: Frankfurter Rundschau v. 08. 11. 1999).

35 In scharfem Widerspruch zu Fritze: Steinbach/ Tuchel, Es schien, als schreckte die Öffentlichkeit vor Elser zurück. Der Widerstandskämpfer und das Attentat vom 8. November 1939, in: Jahrbuch der Juristischen Zeitgeschichte 1 (1999/2000), S. 217-228 (Erstveröffentlichung in: Frankfurter Rundschau v. 18.11.1999). Die sich anschließende Kontroverse ist zum Teil dokumentiert in: Forum: Der Streit um den Widerstandskämpfer Georg Elser. Fragen: Lothar Fritze, Moralphilosophische Betrachtung zum Hitler-Attentat. Antworten: Hans Albert, Wolfgang Benz, Manfred Hättich, Norbert Hoerster, Klemens von Klemperer, Hartmut Mehringer, Gerhard Schönrich. Antworten zu den Antworten, in: Uwe Backes/Eckhard Jesse (Hg.), Jahrbuch Extremismus & Demokratie (12. Jahrgang), Baden-Baden 2000, S. 95-178.

36 Lothar Gruchmann, Georg Elser. Tischlergeselle und Attentäter, in: Michael Bosch/Wolfgang Niess (Hg.), Der Widerstand im deutschen Südwesten 1933-1945, Stuttgart u.a. 1984, S. 298.

37 Ehrhardt (wie Anm. 28), S. 126.

 


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